Ronja Brockmeyer, 12. Januar 2025
Im Mai 2023 sprach ich mit dem uigurischen Aktivisten Abduweli Ayup über die Menschenrechtsverletzungen an Uigur*innen in China. (Rückblick: Interview mit Abduweli Ayup, uigurischer Aktivist) Ende letzten Jahres informierte er mich über den Tod seines Freundes und Partners, Ibrahim Dawut. Am 12. Januar erzählte er mir seine Geschichte und wie sich die Situation in China seit unserem letzten Gespräch entwickelt hat.
RB: Wie geht es Ihnen im Moment?
Ayup: Es geht mir gut. Ich bin immer noch in Bergen, Norwegen.
RB: Ihr Freund, Ibrahim Dawut, wurde verhaftet und während eines Verhörs ermordet. Was für eine Art von Verhör war das? Können Sie mir sagen, wie Sie davon erfahren haben und was Sie über seinen Tod wissen?
Ayup: Es heißt, er sei im Alter von 56 Jahren gestorben. Das erste Mal, dass ich von seinem Tod hörte, war 2020. Aber ich konnte den Tod nicht bestätigen, weil ich zu der Zeit nur eine Quelle hatte. Ich brauche mindestens drei verschiedene Quellen, die bestätigen, dass jemand gestorben ist. 2020 hatte mir ein Freund davon erzählt, aber weil Menschen immer Fehler machen, bin ich damals nicht damit an die Öffentlichkeit gegangen. Dieser Freund schickte mir eine Liste von Menschen, die mutmaßlich getötet worden waren. Die örtliche Polizeistation bestätigte damals den Tod meiner Nichte, aber nicht den der anderen. Deshalb bin ich auch nur mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit gegangen.
Ende 2024 kam Ibrahim Dawuts Tochter aus der chinesischen Stadt Shenzhen nach Deutschland und erzählte mir und einer weiteren Organisation vom Tod ihres Vaters. Diese rief die Schule an, an der Ibrahim Dawut gearbeitet hatte, die Kashgar Uyghur Highschool, die offiziell „Kashgar Number 6 Highschool“ heißt, und auch sie bestätigten, dass er nicht mehr lebte. Und das waren die drei Quellen, die ich brauchte.
Ibrahim Dawut hatte ein Herzproblem und nahm Medikamente, als er verhaftet wurde. Er wurde in das Detention Center gebracht. Wir wissen nicht genau, wie sie ihn getötet haben. Seine Leiche wurde nach seinem Tod der Familie übergeben. Das Detention Center ist der Ort, an dem man verhört wird, bevor entschieden wird, ob jemand ins Gefängnis muss oder nicht. Ich war auch in so einem Detention Center, daher weiß ich, wie es dort zugeht. Man wird ständig verhört, ohne dass man Grundbedürfnisse wie Wasser, Essen oder die Möglichkeit zu schlafen zur Verfügung gestellt bekommt.
RB: Auf Ihrer Website, uyghurhjelp.org, erwähnen Sie eine Kampagne zur „Beseitigung des Einflusses Abduwelis‘“, die nach Ihren Informationen im Juni 2019 in Kashgar begann. Können Sie mir mehr darüber erzählen?
Ayup: Es ist wichtig anzumerken, dass das nicht wirklich bestätigt wurde. Ich hörte von einem Freund, dass diese Regierungskampagne gegen mich zum ersten Mal im Juni 2019 begann. Zu dieser Zeit hatte ich die Karakax-Liste (2019) und die Konasher-Liste (2021) geleakt. Und es wurden Menschen verhaftet, weil der Verdacht bestand, dass sie Kontakt zu mir hatten. Meine Nichte wurde zuerst im Juni 2019 und dann ein weiteres Mal im Juni 2020 verhaftet. Sie ist am 20. Dezember 2020 gestorben. Ein Freund von mir wurde ebenfalls verhaftet. [Update vom 23.02.2025: Er wurde vor kurzem nach 5 Jahren Haft freigelassen, aber er sah schlecht aus – ein anderer Freund zeigte mir ein Foto und ich konnte ihn zuerst nicht erkennen, aber immerhin lebt er.] Eine ehemalige Klassenkameradin wurde von der örtlichen Sicherheitsbehörde in Kashgar gezwungen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Sie rief einen Freund von mir in Belgien an, der glücklicherweise meinte, dass er keine Informationen über mich weitergeben kann und will. Er informierte mich über diesen Vorfall, und ich sperrte ihre Nummer. All dies geschah nur, weil diese Leute mich kannten. Sie hatten mit der Veröffentlichung dieser Dokumente nichts zu tun.
RB: Welche Rolle spielte Ibrahim Dawut im Kampf um Gerechtigkeit für die Uigur*innen?
Ayup: Er war mein Partner in meinem Kampf für den Erhalt der uigurischen Sprache. Damals half er mir, eine Genehmigung für die Eröffnung meiner Schule zu erhalten. Nicht ich hatte mit den Behörden zu tun, sondern er. Er war ein erfahrener Lehrer. Er ist in intellektuellen Kreisen sehr bekannt. Er half mir, Kontakte zu knüpfen und eine Gemeinschaft aufzubauen. Er besaß einen Buchladen in Kashgar, in dem er Bücher in uigurischer Sprache verkaufte und für die uigurische Sprache warb. Er schrieb auch einige Artikel darüber, wie die uigurische Sprache verbreitet werden kann.
Als Student war er Leiter der uigurischen Studentenbewegung der 1980er Jahre, die sich für uigurische Rechte und Autonomie einsetzte. Er wurde sogar als einer der zukünftigen Professoren ausgewählt. In China werden die Lehrer von den Studenten gewählt. Doch wegen seines Engagements in der Studentenbewegung wurde ihm die Möglichkeit, Lehrer zu werden, von der Regierung entzogen.
RB: Wer war Ibrahim Dawut für Sie und wie war er als Mensch?
Ayup: Er war sehr entschlossen. Er verhandelte nie. Während eines Streiks wurde er vom örtlichen Gouverneur aufgefordert, die Schüler als Anführer der Bewegung zurück in die Schule zu schicken, andernfalls würde er mit Konsequenzen rechnen müssen. Er weigerte sich und sagte, er übernehme die Verantwortung für alles. Er ist nie Kompromisse eingegangen.
RB: Was hat sich seit unserem letzten Gespräch geändert? Wie nehmen Sie die aktuelle Situation in Xinjiang wahr?
Ayup: Ich dokumentiere immer wieder, was mir Neuankömmlinge – Menschen, die aus China nach Deutschland oder Norwegen kommen – erzählen. Nach ihren Erzählungen sprechen uigurische Kinder nicht mehr die uigurische Sprache. Für mich ist das sehr herzzerreißend zu hören. In den uigurisch dominierten Städten müssen die Kinder ab ihrem dritten Lebensjahr von Montag bis Samstag in Internate gehen und dürfen nur einen Tag zu Hause verbringen.
Neu für mich ist auch, dass die Regierung uigurische Familien als „vertrauenswürdig“, „normal“ oder „unzuverlässig“ einstuft. Wenn ein Mitglied der Familie mit einem/einer Han-Chines*in verheiratet ist, wird diese Familie offenbar eher als „vertrauenswürdig“ eingestuft. Aus diesem Grund heiraten uigurische Frauen Han-Chinesen, um sicherer zu sein. Dadurch geraten sie in ein Abhängigkeitsverhältnis, das die häusliche Gewalt gegen uigurische Frauen verstärkt.
Die dritte Neuigkeit, von der ich erfahren habe, ist, dass den Uigur*innen ihr Land weggenommen wird. Es gibt Verträge zwischen der chinesischen Regierung und den uigurischen Gemeinden, die es den Uiguren erlauben, dreißig Jahre lang Land zu bewirtschaften. Obwohl sie diese Verträge haben, nimmt die chinesische Regierung ihnen das Recht auf dieses Land und gibt es chinesischen Siedlern. Die ortsansässigen uigurischen Bauern verlieren ihr Land. Leider findet auch dort Siedlerkolonialismus statt. Kürzlich erklärte die chinesische Regierung, dass sie mehr als 260 uigurische Wohnviertel abreißen werde. Sie rechtfertigt dies damit, dass es der Armutsbekämpfung und der Modernisierung diene.
RB: Und wie wirkt sich die Situation in Xinjiang auf Sie und Ihr Leben im Exil aus?
Ayup: (lacht) Hoffnungslos. Ich fühle mich hoffnungslos, denn wir konnten nichts verhindern. Mein älterer Bruder ist immer noch im Gefängnis, meine jüngere Schwester ist immer noch im Gefängnis. Sie verlieren im Gefängnis ihre Gesundheit, sie werden gefoltert. Meine Nichten und Neffen sind in Internaten untergebracht. Sie verlieren dort ihre Fähigkeit, ihre Sprache zu sprechen. Aber auch wenn ich mich manchmal hoffnungslos fühle, gibt es in unserer Gemeinschaft auch viel Kraft. Wir tun alles, um die uigurische Sprache und Kultur zu bewahren; wir veröffentlichen uigurische Bücher, organisieren Sommercamps für uigurische Kinder, damit sie ihre Sprache lernen, und wir haben uigurische Schulen.
RB: Im Mai 2023 sagten Sie mir, dass die Uigur*innen vergessen werden. Wie empfinden Sie die internationale Aufmerksamkeit heute?
Ayup: Wir sammeln und verbreiten weiterhin Berichte und Beweise. Aber seit 2022 gibt es noch weniger Aufmerksamkeit als zuvor. Im Oktober letzten Jahres habe ich die Verhaftung von 200 Uiguren bestätigt und sogar zwei ihrer Namen genannt – aber darüber wird in den Medien nicht berichtet.
RB: Sie sagten auch, dass Sie gerne zurückgehen und diese Lager öffnen würden, um Ihre Leute zu befreien. Wie sehen Sie das jetzt?
Ayup: Ich denke immer noch darüber nach, wie ich diesen Plan in die Tat umsetzen kann. Ich warte auf die Gelegenheit.
RB: Was ist heute Ihre Botschaft an die Jugend in Deutschland und auf der ganzen Welt?
Ayup: Wir überleben, indem wir unsere Geschichten erzählen. Erzählt also uigurische Geschichten. Hört euch uigurische Geschichten an. Wenn ihr Uiguren in eurer Nachbarschaft habt, hört ihnen zu und lasst sie wissen, dass sie nicht allein sind. Bezieht sie ein. Und wenn wir etwas kaufen, sollten wir darauf achten, ob es mit uigurischer Zwangsarbeit zu tun hat. Meine Botschaft an euch ist: Bitte unterstützt diesen Völkermord nicht. Und wenn ihr wählen geht, stimmt für die Menschenrechte. Wenn sie sich nicht um die Menschenrechte in China kümmern, werden sie sich auch nicht um eure kümmern.